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Die Einsteiger - Warum Deutschland so attraktiv für Einbrecher ist


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SPIEGEL TV

Sender:
WDR

Sendeplatz:
die story

Sendedatum:
16.03.2015

Regie:
Robert Wortmann


Es geschieht fast 60.000 Mal pro Jahr allein in Nordrhein Westfalen. Wohnungseinbrüche zählen zu den häufigsten Kriminaldelikten, mit einer erschreckend geringen Aufklärungsquote. Im Raum Aachen wird nur jeder zehnte Fall aufgeklärt. In Oberhausen ist die Aufklärungsquote besser, in Köln nicht viel, in Wuppertal auch nicht.

Rüdiger Thust vom Bund deutscher Kriminalbeamter gibt der Personalpolitik seiner Behörde die Schuld: „Kriminalbeamter, das war einmal ein Ausbildungsgang. Das ist abgeschafft. Jetzt müssen ungelernte Kollegen gleich Profi-Einbrecher jagen. Wenn sie nicht abgezogen sind und Fußballspiele oder den Karneval bewachen.“

Es geht aber auch anders. In Bayern liegt die Aufklärungsquote bei etwa 20 Prozent. In der Landeshauptstadt München bündelt das zuständige Kommissariat seine Kräfte und setzt sie zielgerichtet ein, und konnte jüngst eine Bande ausheben, die für mindestens 200 Einbrüche verantwortlich war. Neueste Fahndungshilfe ist ein Computerprogramm, das mit Hilfe polizeilicher Daten Einbrüche vorhersagen will.

Thomas Kirsch, 38 Jahre, ist seit dreieinhalb Jahren bei der Aachener Kripo. Mehrmals pro Schicht wird er zu Wohnungseinbrüchen gerufen. Und meist kann er nur feststellen, dass Türen und Fenster mal wieder mangelhaft gesichert waren, Geld und Schmuck nicht besonders originell versteckt waren, Nachbarn nichts brauchbares gesehen haben und der oder die Täter sowieso längst über alle Berge sind. „Das beginnt mit der Umstellung auf die Winterzeit, dann geht die Saison los“, sagt er. „Da sind viele Profis dabei, reisende Intensivtäter. Die brauchen für einen Einbruch 15 Minuten, dann sind sie weg.“

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Ion und Petre, 23 und 26 Jahre alt, leben in Bukarest/ Rumänien. Sie sind zwei solcher reisenden Intensivtäter. Sie wohnen im ärmsten Stadtteil Ferentari, einer Gegend, in der sich selbst die Polizei kaum hintraut. Beide berichten, wie einfach sie ihre Touren organisieren. Busse fahren nach Deutschland, in Köln oder Düsseldorf trifft man Kontaktleute in Kneipen, die verkaufen für ein paar Euro Tipps, welche Adressen lohnend aussehen. Ion und Petre fahren hin, brechen ein, verkaufen die Beute zur Hälfte des Marktpreises und sind nach ein paar Tagen wieder zu Hause. Angst haben sie nicht. „Ich war schon mal verhaftet und im Gefängnis“, sagt Ion. „Da gab es etwas zu essen, einen Arzt und keiner hat uns geschlagen. Das ist bei uns ganz anders.“

Diese Kombination aus dem extremen Armutsgefälle innerhalb Europas, den niedrigen Aufklärungsquoten und der notorischen Überlastung der Polizei führt dazu, dass Wohnungseinbrüche gleichbleibend attraktiv für Berufs- wie Gelegenheitsgangster bleiben. „Wenn mal einer vor Gericht steht“, sagt Anwalt Torsten Timm aus Düsseldorf, „dann weiß ich genau, der macht nach seiner Strafe weiter. Das Entdeckungsrisiko ist einfach viel zu gering.“

Autor Christian Bock begleitet Kriminalbeamte bei ihrer täglichen Arbeit, ist bei einer der seltenen Festnahmen eines Bandenmitglieds dabei und interviewt Einbrecher in Deutschland und Rumänien: Schattenmänner, die manchmal ganze Stadtviertel in Angst und Schrecken versetzen. Die gute Nachricht: „Wir wollen auf keinem Fall jemandem begegnen. Wenn wir merken, da sind Leute, hauen wir so schnell es geht ab“, sagt Einbrecher Petre.