Ko- und Auftragsproduktionen

München 1972

Vom Traum zum Terror


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SPIEGEL TV

Sender:
ARD, Servus TV, Channel 1 (Israel)

Sendedatum:
22.07.2012

Regie:
Marc Brasse, Florian Huber


Es ist die Geschichte eines deutschen Traums, der zum Alptraum wurde. Am Anfang stand die Vision von einem anderen, besseren Deutschland, das die Welt begeistert. Genau das gelang in München 1972 – bis zum 5. September.

Es ist die Geschichte eines Traums, der zum Alptraum wurde: die Geiselnahme von München 1972, bei der ein palästinensische Kommando das israelische Olympiateam überfiel und zu Geiseln machte - und auf einen völlig unvorbereiteten Sicherheits- und Organisationsapparat traf, der die versuchte Geiselbefreiung zu einem Desaster mit tödlichem Ausgang machte. Alle neun Geiseln starben - zwei Israelis hatten die Terroristen schon während der Geiselnahme umgebracht. Insgesamt verloren 17 Menschen ihr Leben. Es gibt Dutzende von Dokumentationen und Doku-Spielfilmen, die den vielleicht traumatischsten Anschlag der frühen Siebziger zum Gegenstand haben. Und je weiter weg das Ereignis rückt, desto naiver und fahrlässiger sieht es aus, das Friede-Freude-Eierkuchen-Konzept in der damaligen Bundesrepublik. In London 2012 lässt sich Olympia von 13.500 Soldaten und 55 Hundestaffeln bewachen, Kampfjets und Boden-Luft-Raketen stehen feuerbereit, um feindliche Flugobjekte abzuschießen, ein 18 Kilometer langer Elektrozaun schirmt das Olympiagelände ab. Und in München 1972? Ein unbewaffneter Ordnungsdienst, der in himmelblauen Showanzügen und mit weißen Mützchen durch eine Siebziger-Jahre-Bungalow-Welt stelzt, ein unbewachter Drahtzaun umzäunt das olympische Dorf eher dekorativ, 5000 weiße Tauben flattern zur Eröffnungsfeier in den Himmel über München. Im Rückblick sieht das natürlich alles schrecklich blauäugig aus. Und es wäre ein Leichtes, den Veranstaltern das blutige Debakel, in dem die Spiele endeten, als grausame Strafe für eine falschverstandene Weltoffenheit vorzurechnen.

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Doch genau das macht das Doku-Drama (Sonntag, 21.45 Uhr, ARD), das Marc Brasse und Florian Huber für den NDR und den WDR drehten, nicht. Erst einmal vollzieht "Vom Traum zum Terror" mit Originalmaterial, in Spielszenen und Zeitzeugen-Interviews die euphorische, friedliche Stimmung nach, die die Spiele 1972 prägen sollten - und bis zum frühen Morgen des 5. September auch prägten. "Die Stimmung im olympischen Dorf ist wunderbar", erinnert sich die israelische Sportlerin Esther Roth, im Soundtrack läuft "Summer in the City" von The Lovin' Spoonful, und auch die deutsche Leichtathletin Heide Rosendahl, die zwei Goldmedaillen mitnehmen sollte, bekommt glänzende Augen, wenn sie sich an die offene, völkerverbindende Stimmung im olympischen Dorf erinnert: "Man ist Teil einer großen Sportfamilie, und so fühlt man sich dann auch." Statt das friedliche Konzept aus einer Post-9/11-Sicht heraus zu diskreditieren, zeigt der Film Menschen, die berührt davon waren, wie - 27 Jahre nach Nationalsozialismus und Holocaust - das "Gesamtkunstwerk München" eine solche Feier der Völkerfreundschaft möglich machte. "Es war den Veranstaltern bis zum Anschlag etwas Unglaubliches gelungen: in Deutschland fröhliche, bunte Spiele zu organisieren. Peter Lohmeyer spielt Walter Tröger, den Sicherheitschef des olympischen Dorfs, welcher der friedfertigen Außenwirkung halber Bürgermeister heißt. Ein bisschen unwohl ist Tröger, dass nachts die Sportler alle immer über den olympischen Zaun klettern, aber härtere Kontrollen? "Das ist genau, was man nicht will: abschrecken." Und so geht es allen Zeitgenossen, die für das Doku-Drama vor der Kamera stehen: Keiner mag sich im Nachhinein als Mahner inszenieren, der es schon vorher gewusst haben will. Das ehrt sie. Selbst die Polizisten und BGS-Beamte geben zu Protokoll, dass sie fasziniert waren von der friedlichen Stimmung. Das Planspiel blieb in der Schublade Unter dem Kürzel Fall 26, so enthüllt der Film, war zwar ein Planspiel abgelegt, dass das Szenario eines anti-israelischen Anschlags zum Gegenstand hatte. Aber niemand glaubte daran, also blieb es in der Schublade. Als das palästinensische Kommando dann die israelischen Sportler in ihrer Olympia-Unterkunft festhielt und die Freilassung von 232 palästinensischen Häftlingen aus israelischen Gefängnissen verlangte, krochen die Polizisten hilflos mit Schutzwesten unter den zu engen Trainingsanzügen auf dem gegenüberliegenden Dach herum. "Wir fühlten uns wie Bergsteiger in Badehose und Sandalen, weil wir ja wussten: Wir sind der Sache nicht gewachsen", erinnert sich der Polizist Heinz Hohensinn, der damals in den Einsatz geschickt wurde. Dutzende von Kameras übertrugen die Bilder live. Irgendwann schwante der Einsatzleitung, dass das dem Überraschungseffekt nicht gerade dienlich ist: "Sag mal, die Terroristen haben doch auch Fernsehen?" Hatten sie. Das Kommando unter dem dandyhaft weiß gekleideten Anführer konnte jede Bewegung auf dem Bildschirm verfolgen. Marc Brasses und Florian Hubers 90-Minüter zeigt all diese Pannen ausführlich. Vom kleinen Polizisten bis zum damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher lässt er alle davon berichten, wie hilf- und ahnungslos man dem gut organisierten und vorbereiteten Geiselnehmer-Kommando gegenüberstand. Als die Sicherheitsbehörden schließlich beschlossen, die Geiseln bei der Übergabe auf dem Flughafen gewaltsam zu befreien, stellten sie fünf Scharfschützen für die Operation ab - die Geiselnehmer aber waren zu acht. Das Desaster war programmiert. Dennoch und dankenswerterweise ist "Vom Traum zum Terror" eben kein Plädoyer für den Sicherheitsstaat, für eine Hochrüstung von Großevents. Die Botschaft ist eine andere: Empathie. Und auch ein Bedauern darüber, dass am Ende nicht der Traum von der unbeschwerten Völkerfreundschaft blieb, sondern die Bilder vom Massaker auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck.